Erich Mühsam

In Gedenken an Erich Mühsam, der heute vor 77 Jahren von den Nationalsozialisten im KZ Oranienburg ermordet wurde.
Erich Mühsam war ein deutscher Autor und Publizist, sowie überzeugte Anarchist und wirkte u.A. an der Münchner Räterepublik mit.

erich mühsam

Nachfolgend eine kurze Biographie:

Erich Mühsam wird am 6. April 1878 als Kind des jüdischen Apothekers Siegfried Mühsams und seiner Frau Rosalie in Berlin geboren. Er hat 3 Geschwister.

1896 wird er der Schule wegen sozialistischer Umtriebe verwiesen, weil er Schulinterne Vorgänge an die Presse weitergab. Erste anonyme Veröffentlichungen in diversen Tageszeitungen zu lokalen Geschehnissen.

1900 schließt er seine Apothekerlehre ab. Umzug nach Berlin. Er lernt Gustav Landauer kennen und tritt in den Dichterkreis „Die Neue Gemeinschaft“ ein.

1901 schreibt er erste politisch-satirische Gedichte.

1902 macht er Bekanntschaft mit dem Friedrichshagener Dichterkreis. Redakteur der anarchistischen Zeitschrift „der arme Teufel“
Wegen der Tätigkeit bei „der arme Teufel“ unter polizeilicher Überwachung

1904-1908 Wanderjahre: Mühsam bereiste mit seinem homosexuellen Freund Johannes Nohl Frankreich, Italien, Österreich und in die Schweiz, wo er einen regen Kontakt mit anarchistischen Gruppen pflegte. Wachsende Zahl von politischen Texten und Reden.
Danach lässt er sich in München nieder.

1909 trifft er die Schwabinger Bohème und Heinrich Mann. Gründung der Gruppe Tat. Anarchistische Agitation unter dem „Lumpenproletariat“. Das Lumpenproletariat ist ein von Marx geprägter Begriff, und meint damit e ine Art „Unterschicht, bestehend u.A. aus Bettlern, Vagabunden und Taschendieben. Marx bzw. die Kommunisten sahen sie als Gefahr für die Revolution, da sie leicht bestechlich seien. Im Gegensatz dazu versuchte Mühsam, sie von einem gerechteren, sozialistischen Gemeinwesen zu überzeugen.

1910 Verhaftung wegen Geheimbündelei, er wurde allerdings freigesprochen.

Im folgenden Jahr gründet er seiner eigenen Zeitschrift „Kain“. Zeitschrift für die Menschlichkeit“, da er von der Presse weitest gehenden Boykottiert wurde.

Bei Kriegsbeginn 1914 stellt er den „Kain“ ein. „In dieser Stunde, wo es um das Schicksal aller geht, gibt es außerdem nichts Wesentliches und nichts, was eine Zeitschrift für Menschlichkeit angehen könnte“. Beteiligung an Antikriegsaktivitäten (wie Flugblattaktionen, Organisation von Streiks und Teilnahme an der Hungerdemonstration 1916 in München).

1915 heiratet er Kreszentia Elfinger.

1917 Versuch der Schaffung eines Aktionsbundes antimilitaristischer Gruppen zur revolutionären Beendigung des Krieges

1918 sitzt er von April bis Oktober in Festungshaft wegen Verstoßes gegen das politische Betätigungsverbots und der Weigerung am „Vaterländischen Hilfsdienst“ teilzunehmen. Im November wird er in den Revolutionären Arbeiterrat (RAR) aufgenommen.

1919 ist er aktiver Mitgestalter der Münchner Räterepublik (unter anderem als Redner auf Kundgebungen). Er wird während des sozialdemokratischen Palmsonntagsputschs verhaftet. Der nun von der KPD dominierte Zentralrat wird 3 Wochen später von rechten Freikorps niedergeschlagen. Mühsam wird wegen Hochverrates zu 15 Jahre Festungshaft verurteilt. Im Oktober erfolgt der Beitritt in Die KPD, aus der er im November als Protest gegen die „Heidelberger Leitsätze“ wieder austritt

1920 Rege publizistische Tätigkeit. Bleibende gesundheitlicher Schäden (u.A. Taubheit auf einem Ohr) wegen schlechter Haftbedingungen.

1924 wird er aus der Haft entlassen nach der Amnestie für politische Gefangene, die vor allem Hitler galt. Umzug nach Berlin. Mitarbeit bei der Roten Hilfe, eine Organisation, die sich für politisch (linke) Gefangene einsetzt und gegen die Klassenjustiz der Weimarer Republik kämpfte.

1926 Tritt er aus dem Judentum aus. Herausgabe seiner Zeitung „Fanal“.

1932 wird er (mit anderen Oppositionellen) aus dem Schutzverband deutscher Schriftsteller ausgeschlossen.

1933 tritt er als Redner auf antifaschistischen Versammlungen auf.

Später im Jahr wird er von der SA in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet, einen Tag vor seiner geplanten Ausreise nach Prag.

1934 Folter in diversen KZ’s, unter anderem wurden ihm systematisch die Finger gebrochen, um ihn am Schreiben zu hindern. Ermordung (vorgetäuschter Selbstmord, nachdem er sich dem Befehl verweigerte, sich selber zu erhängen) durch die SS im KZ Oranienburg am 10 Juli.

Seine Werke wurden von seiner Frau Zenzl mit in die Sowjetunion genommen, wo sie einem
Moskauer Archiv übergeben wurden. Kurz darauf wurde sie wegen angeblicher Mitgliedschaft einer
konterrevolutionärer Gruppe in ein Arbeitslager gesperrt.

Er hinterließ viele lesenswerte (anarchistische) Texte und Gedichte, nachfolgend das Gedicht „Der Gefangene“, welches 1919 während seiner Zeit in Festungshaft entstand.

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.

Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich lügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram

mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erinnern heißt kämpfen!

erich mühsam kz